Predigt zum Sonntag Exaudi (16. Mai 2021)

 

 

Predigt zu Johannes 7,37-39

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Liebe Gemeinde!

Was machen wir, wenn wir in unserer Wohnung einen Schimmelpilz an der Wand entdecken? Ganz einfach: In den Baumarkt gehen, einen Eimer Farbe und  Pinsel kaufen, dann alles sorgfältig überpinseln. Sehr erfolgreich: Der Schimmelpilz ist weg. Blöd nur: Sehr rasch kommt er wieder heraus und die Farbe blättert ab.

Ähnlich an anderen Stellen im Leben: Da geben wir uns oft mit dem Überpinseln zufrieden. Wir übermalen mit einer gewissen Sorgfalt das, was nicht in Ordnung ist in unserem Leben. Versuchen nach außen ein perfektes Bild abzugeben und hoffen, dass die anderen nicht unsere Schwächen bemerken. Nehmen eben wie in jener Dienstwohnung den Farbeimer und streichen über die Schimmelpilze.

Dann ist es wie in der Wohnung: Früher oder später blättert die Farbe ab und der Pilzbefall kommt wieder zum Vorschein. Bei unseren Bemühungen um Pflege der perfekten Oberfläche: Leicht bröckelt die Farbe ab. Und je sorgfältiger wir vorher gepinselt haben, desto peinlicher wird es. Das kann schon bei Kleinigkeiten passieren: Kürzlich hatte ich eine Mail der Pfarrervertretung an die Kollegenschaft weiterzuleiten. Die Mail strotzte vor Rechtschreibfehlern – ich habe also genüsslich alle Fehler vor dem Weiterleiten korrigiert und mich ordentlich über diese Nachlässigkeiten vor meinem Computer abgelästert. Dann noch schnell mein Anschreiben für die Kollegen drübergetippt und abgeschickt. Erst danach bemerkte ich, wie viele Rechtschreibfehler ich in mein Anschreiben gesetzt hatte. Da war ich ertappt – die Perfektionsfarbe war innerhalb von Minuten abgebröckelt. Vor allem, wenn ich mich dadurch besser machen will, dass ich andere schlechter mache, kommt der Pilz schnell durch die perfekte Farbschicht – nicht der Schimmelpilz wie in der Wohnung, aber der Spaltpilz.

Wie gehen wir damit um? Wie in der Wohnung. Nicht den Schimmel überstreichen, sondern in den Blick nehmen und überlegen, wo die Feuchtigkeit herkommt. So auch im Leben: Statt immer wieder neue Farbschichten auftragen, erst einmal eingestehen: Ich bin nicht so perfekt, wie ich gerne wäre. Ich brauche Hilfe von außen. Damit sind wir beim Angebot Jesu, von dem wir gerade gehört haben.

Jesus spricht eine Einladung aus. Am Ende des Laubhüttenfestes – als in Jerusalem aus dem Teich Siloah vom Priester Wasser geschöpft wurde. So sehr wie Jerusalem diesen Teich in der Stadt brauchte, um genügend Wasser zu haben, so brauchen wir Gott. Wie jedes Leben Wasser benötigt, so benötigen wir die Zuwendung Gottes. Da sagt Jesus: Mein Segen, meine Kraft, mein guter Geist ist für euer Leben so wichtig wie das Wasser für Jerusalem.

Deshalb lädt Jesus ein – auch uns, die so oft merken, wie sehr die Farbe abblättert von unserer perfekten Oberfläche. Es sind drei Dinge, die mit dieser Einladung verbunden sind:

  1. Angewiesen sein
  2. Empfangen dürfen
  3. Weitergeben können.

Angewiesen sein: Das erste, was zur Einladung Jesu gehört, ist, dass ich mich einladen lasse. Zuzugeben: Ich brauche dich und deine Hilfe. Ich selber kann mit meiner Kraft nicht das tun, was ich mir vorgenommen habe. Ich versuche also nicht mehr, meine Schwächen zu überpinseln, wie der Maler den Schimmelpilz in der Wohnung. Sondern ich nehme in den Blick, was nicht gut läuft in meinem Leben. Ich spreche es vor Gott aus. Dieses ehrliche Eingeständnis: Ich bin brauche deine Hilfe, ist der erste Schritt auf diesem Weg.

 

Der zweite - Empfangen dürfen: Jesus lädt ein, bei ihm zu trinken. Wie gesagt, das Wasser, das Jesus schenkt, steht für seinen Geist. Für seine Kraft. Wenn ich mir eingestehen kann, wie oft meine Kraft nicht ausreicht, dann darf ich bei Jesus auftanken.

Wie geschieht das? Beispielsweise, wenn ich bewusst meine Arbeit unterbreche und Pausen einlege. Und zwar nicht: Erst wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin, mache ich die Pause. Sondern jetzt – egal, wie weit ich bin. Damit signalisiere ich mir selber: Die Welt geht nicht unter, wenn ich einmal nichts tue. Das hilft mir, mich nicht für unersetzlich zu halten. Die Zeit nutzen, mein Tun zu bedenken. Abstand zu gewinnen, Zeit zum Nachdenken. Kontakt zu Gott zu halten. Zu beten. Das bei ihm ablegen, was nicht gut gelaufen ist. Was mir zu schaffen macht. Sozusagen die Schimmelpilze meines Lebens austrocknen zu lassen.

 

Daraus folgt der dritte Schritt: Weitergeben können. Das bedeutet nun nicht, dass ich gar nichts mehr mache. Dass ich sage: Da ich es sowieso nicht kann, lasse ich es ganz. Nach dem Motto: „Dumm angestellt, ist die halbe Arbeit gespart.“

Sondern mit dieser Kraft Jesu, die ich empfangen habe, handeln. Das Wasser seines guten Geistes, seines Segens weitergeben. Jesus sagt: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Den Segen Gottes weitergeben.

Ein wenig so wie beim römischen Brunnen vom Kloster Maulbronn. Das Wasser strömt in die oberste Schale und die füllt sich. Dann fließt sie über und die zweite füllt sich und schließlich die dritte. So im Überfluss sollen wir Gottes Liebe weitergeben.

Mir wurde das an einer beruflichen Nahtstelle sehr deutlich zugesagt. Ich bin nicht der Mensch, der mit zu großem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen durch sein Leben geht. Eher mal an sich und den eigenen Fähigkeiten zweifelt. Gegen Ende meiner Vikarszeit im Vorbereitungsdienst wurden die Selbstzweifel sehr stark: Soll ich wirklich weitermachen in diesem Beruf? Da bekam ich bei meiner Ordination von einer Kirchengemeinderätin, die ich als Ordinationszeugin ausgewählt hatte, gerade dieses Bibelwort als Zeugenwort mit auf den Weg. Da wusste ich: Meine Selbstzweifel an meinen Fähigkeiten werden mich begleiten bis zu dem Tag, an dem ich in den Ruhestand gehe. Aber trotzdem: ich vertraue dieser Zusage und diesem Geist Gottes. Dass ich davon so viel empfange, dass ich es den Menschen weitergeben kann, die mich brauchen. Was an Selbstvertrauen fehlt, soll als Vertrauen auf Gottes Kraft da sein.  Was an Selbstbewusstsein fehlt wird ersetzt durch dieses Bewusstsein für die Hilfe Gottes. Das trägt mich seit diesem Tag mehr als 26 Jahre.

 

Also: Nicht das übertünchen, was schief läuft in unserem Leben. Sondern Jesu Einladung annehmen. Zugeben, dass wir ihn brauchen. Seine Kraft empfangen. Seine Kraft weitergeben. Das genügt. Amen.

 

Gebet:

Gott, bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Licht sehen wir das Licht. Bewahre uns davor, dass wir aus anderen Quellen schöpfen und meinen, dort unseren Durst stillen zu können. Öffne uns die Augen für das Licht der Welt, das du selbst bist.

Komm zu uns mit deinem Heiligen Geist: Verändere unser Leben, ermutige uns zur Hoffnung, bewege uns zur Liebe, stärke den Glauben, der dir vertraut. Und erinnere uns alle daran, dass wir getauft sind, dass wir als Christen den Namen von Jesus Christus tragen, dass wir berufen sind zu einem Leben im Glauben. Wir beten für unsere Kirche: Mache uns Christen zu einem Brunnen, aus dem das Wasser des Lebens für andere strömt und fließt.

Wir bitten für die Regierungen in aller Welt: Segne alle Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit. Wehre du dem Hass und der Gewalt, setze du Krieg und Terror ein Ende.

Wir bitten für die Menschen in unserem Ort: für die Einsamen, dass sie ein freundliches Wort hören, für die Traurigen, dass sie getröstet werden, für die Kranken, dass sie gesund werden an Leib und Seele, für die Selbstsicheren, dass sie nicht überheblich werden. Amen.